RÄTSELKUNST 4

Das Bild, nach dem dieses Mal gesucht wird, fällt vor allem durch seine starken Farbkontraste und die lockere pastose Malweise auf. Auf dem Hochformat kann man zwar einige gegenständliche Teile erkennen – so zwei leuchtend rote Dächer, eine Kirche mit Turm, darunter einige unterschiedlich grüne, baumähnliche Formen und unten links vielleicht ein Blumenbeet – die Dinge sind aber so weit abstrahiert, dass man keinesfalls von einem wirklichen Landschaftsbild sprechen kann. Der Maler hat damit zwar im weitesten Sinne den Blick aus einem Fenster seines Hauses wiedergegeben, er ist mit dem vorgefundenen optischen Material aber doch sehr frei umgegangen.

So gibt es im oberen Bereich auf der (vom Betrachter aus gesehenen) linken Seite eine vom Orangen ins Gelb spielende Fläche, die von violetten und blauen Formen durchdrungen wird. Rechts daneben erhebt sich eine weißlich gelbe, teilweise ins Hellblau und Grau spielende Fläche wie eine Woge bis fast zum Bildrand. In sie eingebettet steht der sich stark nach rechts neigende Kirchturm. Er ist auf den ersten Blick nur durch schwarzblaue Umrisslinien vom Grund abgehoben, einzig die Zwiebelhaube ist hellblau ausgemalt. Schaut man aber genauer hin, sieht man, dass das Weiß des Turms nachträglich zwischen die Umrisslinien gemalt sein muss, es drängt teilweise darüber hinaus und scheint so die festgefügte parallele Ordnung der Linien sprengen zu wollen.

Gegen die Richtung des Kirchturms sind zwei zipfelartige Formen auf der linken Seite gesetzt – verlängert man die gegenläufigen Schrägen nach unten, so treffen sie sich in einer durch viele unterschiedlich farbige Tupfer strukturierten Fläche am unteren linken Bildrand, die, wie oben geschrieben, an ein Blumenbeet erinnern.

Die Malweise ist fleckhaft, kleine Farbpartikel sind direkt auf den Malgrund aufgetragen, werden im nächsten Augenblick durch andere Farbflecken überlagert. Dadurch entsteht eine Bewegung innerhalb der Farbflächen – so geht es z.B. an der rechten Bildkante von einer relativ warmen schwarzgrünen Fläche modulierend über mittelgrüne Töne nach unten zu einem kalten weißlichen Cyanblau.

Deutlich kann man den Pinselduktus erkennen, der Maler muss die Farben mit einem relativ harten Pinsel teilweise erst auf der Malpappe gemischt haben.

Farbauftrag und Farbverwendung haben eine eigene, nur dem Bildgedanken gehorchende Bedeutung. Nicht mehr die Wiedergabe der Natur im weitesten Sinne ist das Ziel der Malerei. Das zeigt sich u.a. auch noch daran, dass es bei diesem Bild keine an der Natur angelehnte Raumbeziehung gibt. Das Orangegelb im oberen Bereich kommt durch seine Wärme nach vorn, das kalte Blau unten dagegen tritt zurück. Das widerspricht dem, was Landschaftsmaler sich in Jahrhunderten erarbeitet hatten.

Die bildnerischen Elemente und ihre Zusammenstellung im jeweiligen Bild sollen nicht mehr eine dienende Funktion im Sinne von Naturwiedergabe haben, sie sollen vielmehr eine unmittelbare Wirkung beim Betrachter hervorrufen. Der Künstler verglich folgerichtig die bildende Kunst mit der Musik, die ja auch nur durch rein musikalische Mittel auf den Zuhörer wirke. Jede Gegenständlichkeit sei da eher störend, weil sie von der unmittelbaren Wirkung ablenke.

Konsequenterweise hat der Künstler noch im selben Jahr, in dem er das gesuchte Bild gemalt hat, ‚Das erste abstrakte Aquarell’ fertiggestellt.

Wie heißt der Maler, welchen Titel hat das Bild und wo hat er es gemalt?

Lösung