RÄTSELKUNST 5

Dieses Mal wird nach einem Bild gesucht, das den Ausschnitt eines Innenraums abbildet – das ist insofern erwähnenswert, weil man den Künstler im allgemeinen zu einer Gruppe zählt, die vor allem durch Bilder von Außenansichten bekannt und berühmt wurde.

Hinter einem Marmortresen, auf dem sich eine Reihe von Flaschen, eine Vase mit Rosen und eine Schale mit Früchten befinden, steht fast genau in der Mitte des Bildes eine überwiegend schwarz gekleidete junge Frau. An ihrem fast rechteckigen Ausschnitt befindet sich weiße Spitze, in der Mitte des Ausschnitts sind Blumen befestigt. Um den Hals trägt sie ein schwarzes Band mit einem Medaillon. Sie ist bis zur Hüfte sichtbar, ihre blonden Haare begrenzen das Bild nach oben. Die Frau schaut nachdenklich sinnend leicht nach unten.

Unmittelbar hinter ihr befindet sich ein großer Spiegel , der oben und an den Seiten über den Rand hinausgeht, nur nach unten hin wird er durch einen goldenen Rahmen begrenzt.

Dieser Spiegel reflektiert also alles, was sich vor der jungen Frau befindet. So sieht man in ihm im Vordergrund einen Teil der Rückseite des Tresens, weiter hinten dann eine Brüstung, hinter der sich eine große Menschenmenge befindet. Auch unterhalb der Brüstung scheint der Raum weiterzugehen, es handelt sich also vermutlich um eine Art Balkon – im Theater würde man vom Rang sprechen. Dieser Eindruck wird durch die festliche Kleidung der dort Sitzenden unterstützt, außerdem beobachtet eine Frau mit einer Art Opernglas etwas, was sich außerhalb des Bildes abspielt.

Bis zu diesem Punkt gibt das Bild nichts anderes als eine zwar gut gemalte aber sonst normale Ansicht wieder. Auf der rechten Bildseite jedoch ist die junge Frau noch einmal von hinten im Spiegel zu sehen. Diese Spiegelung ist aber aus der gewählten Ansicht so nicht möglich – es sei denn, der Spiegel stünde ganz schräg, was aber offensichtlich nicht der Fall ist. Zudem erscheint am äußersten rechten Bildrand neben dem Kopf des Mädchens auch noch das Gesicht eines Herrn mit Zylinder – dieser Herr ist zwar im Spiegel zu sehen aber nicht in ‚Wirklichkeit’.

Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Widersprüche – so müsste natürlich der Maler, der ja vorgibt, diese Szene zu betrachten auch selbst mit abgebildet sein.

Es gibt in diesem Bild also eine ‚richtige Welt’ und eine ‚Welt im Spiegel’ – beide sind in sich stimmig – zusammen genommen aber widersprechen sie sich.

Schon kurz, nachdem das Bild zum ersten Mal ausgestellt worden war, haben sich Betrachter an diesen offensichtlichen Diskrepanzen gestoßen. Fast alle Kritiker warfen dem Maler diese und andere Fehler vor. Man war sich nur uneins darüber, ob der Künstler es nicht besser gekonnt habe, oder ob es sich um Exzentrizitäten handelte, mit denen er auf sich aufmerksam machen wollte.

Heute werden diese ‚Fehler’ jedoch anders gesehen – für Michel Foucault ist es gerade wegen der Diskrepanzen eines der revolutionärsten Bilder dieses Malers, „das das ganze Werk (..) in sich zusammenfasst.“

Ein anderer heutiger Autor interpretiert das Bild dahingehend, dass es ja allein in „in der Machtvollkommenheit des Malers steht, die Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen, nach denen der Spiegel ‚funktionieren’ müsste. Er ist es, der im Spiegelbild die Flaschen auf der Marmortheke dorthin stellt, wo sie nicht stehen dürfen; (…) er ist es, der im Spiegelbild dem Barmädchen einen Herren im Zylinder zugesellt, der vor dem Spiegel nicht existiert.“

Nach dieser Interpretation kann man sagen, dass der Künstler damals seiner Zeit weit voraus war. Er hat mit diesem Bild ein künstlerisches Problem sichtbar gemacht, das für andere Künstler erst Jahrzehnte später relevant werden sollte.

Wer war er und um welches Bild handelt es sich?

Lösung