RÄTSELKUNST 7

Dieses Mal wird nach einer weiblichen Marmorskulptur gesucht, die älter ist als alles da, was bisher betrachtet, beschrieben und verrätselt wurde. Vermutlich wurde sie schon vor etwa 2200 Jahren aus Anlass eines bedeutenden Sieges geschaffen.

Im Laufe der Jahrhunderte (und vieler weiterer Kriege) wurde die Skulptur teilweise zerstört, schließlich wurden die meisten Teile im Jahr 1863 gefunden, geborgen und in die Hauptstadt einer fremden Macht gebracht. Dort wurden diese Teile wieder zusammengesetzt – sodass man die Figur heute fast vollständig in einem bedeutenden Museum bewundern kann. Die Arme und der Kopf fehlen zwar immer noch, da man später aber noch einige Fragmente fand, hat man heute eine gute Vorstellung davon, wie sie ursprünglich aussah.

Die 2.45m überlebensgroße, aus weißem Marmor gefertigte Figur steht auf einem schiffsbugartigem Sockel aus dunkelgrauem Marmor. Ursprünglich war sie zusammen mit diesem ‚Schiffsbug’ in einem echtem Wasserbecken aufgestellt, in dem – vermutlich um die Illusion noch zu erhöhen – zusätzlich noch weiße Marmorwellenplatten angebracht waren. Figur und Schiffsbug befanden sich in einem Heiligtum und sollten, wie schon oben geschrieben, an einen wichtigen Seesieg über eine fremde Macht erinnern.

Alle Teile der Figur, der Gürtel, der den Stoff des Untergewands unter der Brust an den Körper drückt, die Federn der Flügel und die sich unter dem Stoff abzeichnenden Körperteile sind überaus differenziert ausgearbeitet. Die Oberflächenschilderung ist dabei so genau, dass die Skulptur fast lebendig wirkt.

Die Figur hat den rechten Fuß aufgesetzt – der linke schwingt nach hinten zurück, er schwebt noch in der Luft. Sie könnte gerade auf dem Schiff gelandet sein, die mächtigen, von den Schultern nach hinten weisenden Flügel sind noch durch den beim Heranfliegen entstandenen Wind gebauscht. Diese Annahme wird auch durch das Untergewand und den Mantel unterstützt – der Stoff schmiegt sich eng an den Körper, sodass der Bauch und die Brüste deutlich hindurchschimmern – sogar der Bauchnabel ist zu erkennen.

Durch den ‚Fahrtwind’ staut sich der Mantel vor dem rechten Bein, das linke Bein scheint bis zur Hüfte fast nackt zu sein, so eng liegt der Stoff daran. Hinter diesem Bein wird der Mantel auf der linken Seite noch einmal extra gebauscht und hoch gehoben. Dieses Mantelstück bildet so ein Pendant zu dem darüber schwebenden Flügel. Der Eindruck ist der einer großen nach vorn drängenden Bewegung. Das kann man am besten sehen, wenn man die Statue von links vorn betrachtet – vermutlich war sie also so aufgestellt, dass man sie bei Feiern oder beim Betreten des Heiligtums aus dieser Ansicht sehen konnte.

Obwohl, wie schon oben geschrieben, heute Kopf und Arme fehlen, lässt sich die ursprüngliche Haltung weitgehend rekonstruieren. Der vorhandene Halsansatz zeigt beispielsweise, dass der Kopf zur linken Schulter geneigt war, der linke Arm hing leicht nach hinten herunter, und der rechte Arm war nach vorn gestreckt. Das kann man u.a. auch daraus schließen, dass die rechte Brust etwas höher ist als die linke.

Auf Grund von später gefundenen Hand- und Fingerfragmenten und auch aus Stilvergleichen, kann man ziemlich sicher feststellen, dass die Figur in der ausgestreckten rechten Hand einen bronzenen Siegerkranz trug.

Die Bedeutung war also, dass diese vom Himmel herabkommende Gestalt den Bewohnern den Siegerkranz brachte.

Die Figur gehört zu den ganz großen europäischen Kunstwerken. Das zeigt sich u.a. auch daran, dass sie auch heute noch vielfach in unterschiedlichsten Zusammenhängen genannt wird – eine Firma, die nun überhaupt nichts mit Kunst zu tun hat, trägt ihren Namen, und ein bedeutender Kunsttheoretiker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts fand in seinem revolutionären Überschwang, dass ein „Rennwagen schöner sei als sie….“

Welche Skulptur ist’s, wo steht sie heute und (für die Spezialisten) wer ist der Frechling, der einen Rennwagen schöner findet?

Lösung