RÄTSELKUNST 9

Auch dieses Mal wird wieder nach einem recht großen Bild gesucht – es misst 203 X 314 cm. Dargestellt sind vor einer dunklen Baumkulisse insgesamt zwei Männer und sechs Frauen, dazu kommt noch ein kleiner Putto.

Auf den ersten Blick mag man sich fragen, welche Beziehung die einzelnen Figuren zueinander eingehen. Es gibt zwar zwei Gruppen, aber auch zwei einzeln stehende Personen, ein Gesamtzusammenhang lässt sich so zunächst nicht herstellen.

Am besten liest man das Bild von der Mitte aus. Dort steht eine alle anderen Personen des Bildes überragende Frau. Sie trägt ein kostbares Gewand aus einem silbrig grauen, fließenden Kleid, das deutlich ihre Körperformen durchscheinen lässt. Zusätzlich zu dem Kleid hat sie über ihrer rechten Schulter und dem rechten Arm ein rotes Tuch, das sie mit der linken Hand so vor den Körper hält, dass der schwellende Bauch gut zu sehen ist. Der Kopf ist leicht zu Seite geneigt, sie hat ihren rechten Arm erhoben und macht dabei mit der Hand eine graziöse Bewegung, vielleicht so, als ob sie das Geschehen auf dem Bild dirigierte. Es handelt sich dabei um Venus – sie ist aber auf eine Art und Weise dargestellt, dass man bei ihr auch an Maria denken könnte.

Genau über ihr fliegt von rechts nach links Amor, der mit verbundenen Augen dabei ist, einen Pfeil abzuschießen. Er zielt dabei nach links unten in die Richtung von drei einen Reigen tanzenden jungen Frauen. Sie tragen fast vollständig durchsichtige Gewänder, halten sich an den Händen und sind so dargestellt, dass sie dem Betrachter drei unterschiedliche Ansichten bieten. Es handelt sich um die drei Grazien.

Links von ihnen steht ein junger Mann im Kontrapost, der zwar nur ein rotes Tuch locker umgehängt hat, dafür aber an seiner linken Hüfte ein Schwert trägt. Den linken Arm hat er lässig in die Hüfte gestemmt, der rechte Arm ist hoch erhoben – in seiner Hand hält er einen ‚magischen’ Stab, der im oberen Bereich von zwei Schlangen umkreist wird. Schaut man ganz genau hin, dann sieht man, dass er dabei ist, Wolken von dem Geschehen auf dem Bild abzuwehren. Da er auch Schuhe mit Flügeln trägt, kann er eindeutig als Merkur identifiziert werden, ebenso wie die schon genannten Grazien und Amor gehört er zum Gefolge der Venus.

Von der Figur ganz links im Bild gehen wir in der Betrachtung jetzt nach rechts hinüber. Dort fliegt ein Mann mit einer grünblauen Hautfarbe und einem gebauschten Gewand rechts vom Rand ins Bild hinein. Er bläht seine Wangen mächtig auf und versucht eine vor ihm fliehende Frau zu umfassen. Die im Laufen begriffene Frau trägt nur ein leichtes durchsichtiges Gewand, sie wendet ihren Kopf angstvoll in Richtung des Herannahenden zurück. Aus ihrem Mund quellen erstaunlicher Weise Zweige mit Blättern und Blumen, die sich nach vorn zu bewegen scheinen. Dabei geht dieser Blütenzweig eine Verbindung mit einer vollständig mit Blumen bedeckten und bekränzten Frau ein.

Diese Frau schreitet im Gegensatz zu der vorher genannten vollständig ruhig. Sie lächelt entspannt und selbstsicher, mit der rechten Hand fasst sie in die von Blumen überquellende Falte ihres Kleides und streut diese aus – Botaniker sollen dabei Vergissmeinnicht, Hyazinthen, Iris, Immergrün, Federnelken und Anemonen entdeckt haben. Um den Hals trägt sie einen Kranz von Myrten, in ihrem Kleid hält sie wilde Rosen, im Haar stecken Veilchen, Kornblumen und ein Zweig wilder Erdbeeren. Illustriert wurde hier eine Geschichte, die von einem römischen Autor erzählt worden ist. Danach hat der Luftgeist Zephir die Nymphe Chloris verfolgt und vergewaltigt – sie danach aber geheiratet, worauf sie in die Göttin Flora verwandelt wurde.

In der Geschichte ist es zwar nicht die Nymphe, der Blumen aus dem Mund quellen – das ist wohl eine Erfindung des Malers – aber es heißt, als die Göttin Flora zu erzählen begann, hauchte sie „Frühlingsrosen von ihren Lippen“.

Das Bild wurde vermutlich anlässlich einer Hochzeit gemalt – der Auftraggeber wird in gewisser Hinsicht auch in den gemalten Pflanzen angedeutet – auf der rechten Bildseite biegt sich vor Zephir ein Lorbeerbaum, damit wird ein Hinweis auf den Namen gegeben.

Berühmter als der Auftraggeber war aber sein gleichnamiger Vetter, und von diesem gibt es ein schönes Gedicht, das die leichte Melancholie verdeutlicht, die trotz aller Schönheit in diesem Bild steckt. Von ihm sei hier in freier Übersetzung der Anfang auf deutsch zitiert:

„Wie schön ist doch die Jugend,
die so schnell dahin geht,
wer froh sein will, der soll es sein,
für morgen gibt es keine Sicherheit.“

Dass er mit dieser pessimistischen Sicht durchaus Recht hatte, zeigte die Zukunft schon wenig später.
Wer ist der Maler, wie heißt das Bild und (für die Spezialisten) wer ist der Autor des wehmütigen Gedichts?

Lösung